Das war vielleicht ein Preis der Inkulturation. Was war von den Bürokraten aus der Verwaltungsmetropole Rom anderes zu erwarten als Verwaltung? Aber die katholische Einheit in Vielfalt ging nie verloren.
Du bist im Irrtum. Es war nicht eine Sache der Metropole. Und es war eine Eigenschaft der christlichen Gemeinden seit ihrer Gründung und ihrer Sehnsucht nach der einen Wahrheit geschuldet. Schon im 1. u. 2. Jh. fanden erbitterte Kämpfe um diese Wahrheit statt, mit wüsten Beschimpfungen für die jeweils anderen und bis hin zu Exkommunikationen. Lange Zeit war die jeweils höchste Autorität der örtliche Bischof, bis im Westen der Bischof von Rom diese Macht monopolisierte. Und ja, die Vielfalt ging verloren. Es war die unheilvolle Verbindung von jüdischem Monotheismus und griechischer Philosophie, ein Gott und eine Wahrheit. Seit dem ist die christliche Geschichte eine von Kampf um Orthodoxie, Häresie und Schisma. Von Anfang an wurden die jeweils anderen zu Ketzern erklärt und entweder unterdrückt oder, wenn sie zu zahlreich waren, ausgeschlossen: Die Arianer, die Monophysiten, das große Schisma, die Abspaltung der Ostkirchen, usw.
Vielleicht habe ich doch recht. Gerade als Schüler Jesu will ich da gar nicht so drauf pochen. Genauso wie Bonaventura immer ganz klar zur Mäßigung geraten hat. Jesus, aber auch Bonaventura, beide haben auch viel Debatten in ihren Foren gehabt. Da gab's Gerangel um die Ränge, wer denn neben dem Vater und wer neben Jesus sitzen darf. Jesus fand das Kinderkram. Und er hat selber immer wieder - wie ein guter Hirte und Psychologe - zur Mitte gerufen und mediatisiert: Wer der Größte sein will, soll Diener aller sein. Und er hat Petrus die Füße gewaschen, den Päpsten zum Vorbild. Aber die waren nicht immer Heilige. Hatte Jesus nicht auch Judas zum Apostel gemacht? Hätte ihn gerettet, wenn er Judas verraten hätte statt umgekehrt? Natürlich nicht. Dann wäre er ja zum Verräter geworden. Jesus aber steht als Gottes Sohn für Frieden in Freiheit, für Brüderlichkeit, für versöhnte Verschiedenheit. Seine Gotteslehre ist Völkerverständigung und Menschwerdung (Humanisierung). Sein Tod am Kreuz war daher ehrenvoll. Tatsächlich war er ein unschuldiges Opfer. Aber sein Grab ist leer. Sein Geist lebt für immer. Sein Kreuz gehört in jede Schule, die sich zu seinen Werten bekennt.